NOCLAR und IESBA-Kodex: Warum die aktuellen Umfragen wichtig sind
Das International Ethics Standards Board for Accountants hat zwei internationale Umfragen gestartet, die für die Praxis von Wirtschaftsprüfung, Rechnungswesen, Compliance und Unternehmensleitung durchaus relevant sind. Im Mittelpunkt stehen zum einen die Regelungen zu NOCLAR, also zur Reaktion auf die Nichteinhaltung von Gesetzen und Vorschriften, und zum anderen der Restructured Code, also die überarbeitete Struktur des IESBA-Kodex. Beide Themen betreffen zwar in erster Linie Berufsangehörige im Bereich Prüfung und Rechnungslegung, ihre Auswirkungen reichen jedoch deutlich weiter in die Organisation von Unternehmen hinein.
NOCLAR beschreibt berufsethische Vorgaben dazu, wie Berufsangehörige mit Hinweisen auf Gesetzesverstöße oder Regelverstöße umgehen sollen, die ihnen im Rahmen ihrer Tätigkeit bekannt werden. Gemeint sind nicht nur klassische Straftaten, sondern generell Sachverhalte, bei denen gegen rechtliche Vorgaben verstoßen wird und die erhebliche Auswirkungen auf Unternehmen, Kapitalgeber, Beschäftigte oder die Öffentlichkeit haben können. Der IESBA-Kodex ist ein internationaler Ethikstandard für Angehörige des Berufsstands im Rechnungswesen und in der Prüfung. Der Restructured Code betrifft die inhaltlich und redaktionell neu geordnete Fassung dieses Kodex mit dem Ziel, die Anwendung in der Praxis klarer und konsistenter zu machen.
Die nun laufenden Umfragen sind als Post-Implementation Review ausgestaltet. Damit ist eine Überprüfung gemeint, die nach Einführung neuer oder überarbeiteter Standards stattfindet. Geprüft wird dabei, ob die Regeln ihren beabsichtigten Zweck tatsächlich erfüllen, welche Vorteile sie gebracht haben und an welchen Stellen in der Praxis Schwierigkeiten auftreten. Genau an dieser Stelle wird das Thema auch für Unternehmen, Finanzinstitutionen und beratende Berufe bedeutsam, weil sich aus solchen Rückmeldungen häufig Weiterentwicklungen internationaler Standards ergeben.
Nach der veröffentlichten Mitteilung können sich Stakeholder online beteiligen. Für die NOCLAR-Umfrage läuft die Beteiligung bis zum 30. Juli 2026, für die Umfrage zum Restructured Code bis zum 3. Juli 2026. Die Hinweise hierzu wurden durch die Wirtschaftsprüferkammer am 9. April 2026 veröffentlicht.
NOCLAR in der Praxis: Bedeutung für Compliance, Prüfung und Unternehmenssteuerung
Für Unternehmen ist NOCLAR vor allem deshalb relevant, weil der Themenbereich an der Schnittstelle von Compliance, interner Kontrolle und externer Berufsausübung liegt. Compliance meint die Einhaltung aller für das Unternehmen maßgeblichen gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen. Wenn Prüferinnen, Prüfer oder andere Berufsangehörige im Rahmen ihrer Tätigkeit Anhaltspunkte für Verstöße erkennen, stellt sich die Frage, welche Reaktionspflichten bestehen, wie Sachverhalte intern aufzuarbeiten sind und wo die Grenzen der Verschwiegenheit verlaufen. Schon diese Fragestellungen zeigen, dass NOCLAR nicht nur ein theoretisches Berufsethikthema ist, sondern erhebliche praktische Relevanz für Unternehmensprozesse entfalten kann.
Besonders wichtig ist das für mittelständische Unternehmen, Unternehmensgruppen sowie regulierte Bereiche wie Finanzdienstleister, Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser. In solchen Organisationen können Verstöße gegen gesetzliche Vorgaben nicht nur finanzielle Folgen haben, sondern auch Aufsichtsmaßnahmen, Reputationsschäden oder haftungsrechtliche Risiken auslösen. Wer intern keine belastbaren Meldewege, Verantwortlichkeiten und Dokumentationsstandards etabliert hat, erschwert die sachgerechte Aufarbeitung erheblich. Für kleine Unternehmen ist das Thema ebenfalls relevant, auch wenn die Strukturen oft schlanker sind. Gerade dort hängen Compliance und ordnungsgemäße Buchhaltungsprozesse häufig an wenigen Personen, was das Fehlerrisiko erhöhen kann.
Die aktuelle Umfrage des IESBA setzt genau hier an. Sie will herausfinden, ob die bestehenden NOCLAR-Bestimmungen in der Anwendung praktikabel sind, ob sie den gewünschten Nutzen bringen und welche Herausforderungen in der täglichen Arbeit bestehen. Für Unternehmen ist das ein Hinweis darauf, dass internationale Standardsetzer die tatsächliche Umsetzbarkeit stärker in den Blick nehmen. Das ist zu begrüßen, denn ethische Vorgaben müssen so ausgestaltet sein, dass sie in komplexen Mandats und Unternehmenssituationen verlässlich anwendbar bleiben.
Aus Unternehmenssicht folgt daraus vor allem, dass Hinweise auf mögliche Regelverstöße strukturiert behandelt werden sollten. Erforderlich sind klare Zuständigkeiten, nachvollziehbare interne Eskalationswege und eine belastbare Dokumentation. Gerade in Zeiten zunehmender Digitalisierung darf Compliance nicht losgelöst von den Finanz und Buchhaltungsprozessen betrachtet werden. Wer Buchführung, Freigaben, Zahlungsprozesse und Belegmanagement digital sauber aufstellt, schafft regelmäßig auch bessere Voraussetzungen dafür, Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und rechtssicher einzuordnen.
Restructured Code: Warum die neue Struktur des Ethikkodex relevant bleibt
Neben NOCLAR steht die Umfrage zur Änderung des Aufbaus des IESBA-Kodex im Fokus. Der Restructured Code zielt darauf ab, den Kodex sprachlich, systematisch und strukturell besser nutzbar zu machen. Das mag auf den ersten Blick wie ein reines Redaktionsprojekt wirken, hat aber für die Praxis erhebliches Gewicht. Denn ethische und berufsrechtliche Standards entfalten ihren Nutzen nur dann, wenn sie verständlich, konsistent und ohne unnötige Auslegungshürden anwendbar sind.
Für Wirtschaftsprüfer, Steuerberatende und interne Fachabteilungen in Unternehmen ist die Struktur eines Kodex keineswegs nebensächlich. Unklare Verweise, schwer nachvollziehbare Regelungssysteme oder sprachlich zu abstrakte Anforderungen führen im Alltag schnell zu Unsicherheiten. Das betrifft etwa Fragen der Unabhängigkeit, der professionellen Skepsis, der Vertraulichkeit oder der Reaktion auf kritische Sachverhalte. Eine verbesserte Struktur kann deshalb dazu beitragen, Standards einheitlicher zu verstehen und in Prüfungs, Beratungs und Unternehmensprozessen besser umzusetzen.
Gerade für Unternehmen, die mit mehreren externen Beratern, Prüfern oder Finanzierungsgebern zusammenarbeiten, ist ein klarer internationaler Ethikrahmen von Vorteil. Er unterstützt die Erwartungssicherheit auf allen Seiten. Das gilt insbesondere für mittelständische Unternehmen mit internationalen Geschäftsbeziehungen, für Tochtergesellschaften ausländischer Gruppen oder für Unternehmen in stark regulierten Branchen. Wenn Standards verständlicher aufgebaut sind, sinkt das Risiko uneinheitlicher Auslegung und die Abstimmung zwischen Unternehmensleitung, Aufsichtsorganen und externen Berufsangehörigen wird effizienter.
Die Umfrage zum Restructured Code soll deshalb klären, ob die neue Struktur des Kodex den gewünschten Zweck tatsächlich erfüllt. Gefragt wird auch hier nach praktischen Vorteilen und nach etwaigen Schwierigkeiten bei der Anwendung. Das ist ein sinnvoller Schritt, weil die Akzeptanz und Wirksamkeit ethischer Standards nicht allein von ihrem Inhalt abhängt, sondern auch von ihrer Verständlichkeit im Berufsalltag.
Was Unternehmen und beratende Berufe jetzt daraus ableiten sollten
Auch wenn die aktuellen Umfragen unmittelbar auf internationale Ethikstandards zielen, lassen sich daraus bereits heute klare praktische Schlüsse ziehen. Unternehmen sollten ihre internen Prozesse zur Erkennung und Behandlung von Regelverstößen kritisch überprüfen. Dazu gehört insbesondere die Frage, ob Verantwortlichkeiten eindeutig definiert sind, Hinweise intern ohne Reibungsverluste weitergegeben werden können und ob die Dokumentation von Sachverhalten revisionssicher erfolgt. Revisionssicher bedeutet, dass Unterlagen vollständig, nachvollziehbar und gegen nachträgliche unbemerkte Veränderungen geschützt geführt werden.
Für Steuerberatende, Wirtschaftsprüfer und Finanzinstitutionen liegt der Mehrwert vor allem darin, die eigenen Schnittstellen zum Mandanten oder Kunden sauber zu gestalten. Je klarer Informationswege, Eskalationsmechanismen und Dokumentationspflichten ausgestaltet sind, desto geringer ist das Risiko von Missverständnissen bei sensiblen Sachverhalten. Das gilt ebenso für digitale Buchhaltungs und Berichtssysteme. Sie sind längst nicht nur Effizienztreiber, sondern auch ein wesentlicher Baustein wirksamer Governance. Governance bezeichnet die Gesamtheit der Regeln und Strukturen, mit denen Unternehmen verantwortungsvoll geführt und überwacht werden.
Die laufenden Umfragen des IESBA zeigen, dass internationale Standardsetzung zunehmend auf praktische Erfahrungen aus der Anwendung angewiesen ist. Wer mit Compliance, Prüfung oder Rechnungswesen befasst ist, sollte diese Entwicklung aufmerksam verfolgen. Auch ohne unmittelbare Teilnahme an den Umfragen lohnt es sich, die eigene Organisation daraufhin zu prüfen, ob rechtliche und ethische Anforderungen in den operativen Prozessen tatsächlich verlässlich abgebildet sind.
Gerade im Mittelstand liegt hier oft erhebliches Potenzial, weil saubere digitale Abläufe in der Buchhaltung, klare Freigabestrukturen und transparente Dokumentation nicht nur Risiken reduzieren, sondern auch Zeit und Kosten sparen. Wir begleiten kleine und mittelständische Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Finanzprozesse und der Prozessoptimierung in der Buchhaltung, damit rechtliche Anforderungen effizient umgesetzt und spürbare Kostenersparnisse realisiert werden können.
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